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Kastell von Pazin

Die etwa 8000 Einwohner zählende Kleinstadt Pazin (italienisch: Pisino, deutsch: Mitterburg) auf der kroatischen Halbinsel Istrien hat aufgrund ihrer Lage eine bewegte Geschichte hinter sich. Seit dem Mittelalter ist Pazin das Verwaltungszentrum Istriens und mittlerweile auch ein beliebtes Urlaubsziel für Naturliebhaber, Radfahrer und Bergsteiger.

Die Umgebung von Pazin beherbergt viele versteckte Schätze aus der Vergangenheit, die man erkunden kann, aber ein besonderer Anziehungspunkt ist die monumentale Festung, das Kastell von Pazin. Das weit sichtbare Wahrzeichen aus der Gründungszeit der Ortschaft thront auf einem Karsthügel über der Stadt, ein Bauwerk, das die Jahrhunderte überdauert hat. Es ist heute eines der am besten erhaltenen Beispiele romanischer Baukunst in Istrien und zieht Burgen- und Mittelalterfans aus der ganzen Welt an.

Macht und Ruhm auf dem Kastell von Pazin

Weder das Jahr des Baubeginns noch das der Fertigstellung der Festung sind überliefert. Auch nicht, wie die Arbeiter, Steinmetze, Tischler und Hilfsarbeiter es schaffen konnten mit den damals vorhandenen Möglichkeiten die schweren Bruchsteine, Hölzer und Mörtel auf den Berg zu schaffen und damit ein so monumentales Bauwerk wie das Kastell von Pazin zu errichten. Bekannt ist allerdings die erste Nennung als „castrum Pisinum“ in einer Schenkungsurkunde von Kaiser Otto an den Bischof von Poreč aus dem Jahr 983. Im Mittelalter erhofften sich Adelige oft Seelenheil, wenn sie Besitzungen an die katholische Kirche verschenkten. Dieser Glaube verhalf vor allem den Bischöfen in kurzer Zeit zu viel Macht und Reichtum. Oder die Edelleute stellten sich gut mit dem König, dann durften sie ebenfalls auf grundherrschaftliche Schenkungen hoffen. Im Volksmund wurde das Kastell von Pazin auch mit seinem deutschen Namen „Mitterburg“ bekannt.

Über 1000 Jahre durchlebte die romanische Burg rauschende Feste, Glanz und Glorie, aber auch verheerende Kämpfe, zahlreiche Besitzer und wichtige historische Ereignisse. Die ruhmvolle Geschichte des Kastells von Pazin begann im 12. Jahrhundert mit den Grafen von Görz. Ob es Liebe war oder nicht, darüber ist heute nichts bekannt, aber als Matilde von Andechs, seit dem Tod ihres Vaters Gräfin von Pisino, Engelbert von Görz heiratete, ging das Kastell von Pazin als Erbe in den Besitz der Grafen von Görz über. Von da an war die Burg als Fürstensitz bekannt. Die Görzer hatten bereits einige Grundherrschaften in der Region und schwächten damit die Einflussnahme der Bischöfe von Aquileia. Es war ein ständiger Machtkampf, der aber für die Burg einen weiteren Ausbau bedeutete. So konnte sich das Kastell von Pazin über Jahrhunderte zu einem beeindruckenden Bau entwickeln, ein Bollwerk, das jeden Besucher in seinen Bann zieht.

Die fast uneinnehmbare Festung über der 100 Meter hohen Steilklippe trotzte allen Streitigkeiten, auch den Bauernaufständen, die wegen der hohen Abgabenlast immer wieder im Land aufflammten. Die Habsburger, die nach dem Aussterben der Görzer Grafenfamilie 1374 durch Erbschaft die Herrschaft über Pazin erhalten hatten, vergaben das Gebiet als Lehen an wechselnde Adelsfamilien. Grafen, Fürsten und Freiherren mit klingenden Namen wie Walsee, Della Torre, Khevenhüller und Auersperg nutzten das Kastell als Verwaltungssitz und die Grundherrschaft als Einnahmequelle. Der letzte Ausbau der Wehrtürme und die Erweiterung durch die mächtigen Flügelbauten erfolgten im 16. Jahrhundert, nachdem die reichen Venezianer Istrien erobern konnten. Sie waren die einzigen, die es geschafft haben das Kastell nach längerer Belagerung einzunehmen.

Hinter den Festungsmauern hatte sich eine richtige kleine Stadt entwickelt. Burgen waren ja nicht nur ein Statussymbol der mittelalterlichen Adeligen, sondern ebenso wirtschaftliche Handelsplätze und Treffpunkte kultureller Feierlichkeiten für die ganze Bevölkerung.

Italiener, Franzosen und Kroaten – alle wollen Pazin

Nach etwa 400 Jahren venezianischer Herrschaft wurde das Kastell von Pazin kurzzeitig ein Teil des französischen Reiches von Napoleon, der dort Herzöge als Verwaltungsorgane einsetzte. Aber die Habsburger holten sich die verlorenen Besitzungen nach der Niederlage Napoleons wieder zurück, was Pazin zu einem Teil der Österreichischen Habsburger Monarchie werden ließ.

Eine wichtige Schutzfunktion hatte das Kastell von Pazin auch in den beiden Weltkriegen, als sich die Bevölkerung vor den Kriegshandlungen hinter die schützenden Mauern zurückzog. Allerdings wurde es während dieser Zeit zwischendurch immer wieder als Gefängnis genutzt. Angebliche Kerkerkammern befinden sich in den Kellergewölben der mittelalterlichen Burg. Diese dürften aber erst in der Neuzeit eingerichtet worden sein, denn im Mittelalter war es nicht üblich die Verurteilten für längere Zeit einzusperren. Es war viel zu kostspielig, wenn noch jemand durchgefüttert werden musste, also hat man die Strafen sofort an Leib- und Ehre ausgeführt. Der Burgherr hat zwar zumeist auch Recht über seine Untertanen gesprochen, aber mehr als ein Pranger wird im Mittelalter wohl nicht auf dem Kastell von Pazin genutzt worden zu sein.

Kroatien

Kroatien ©iStockphoto/morozena

Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte die Verstaatlichung der Festung, kurz darauf wurde bereits das Ethnologische Museum eingerichtet, das mit seiner Sammlung an die aufregende Geschichte erinnern soll.

Erlebbare Geschichte im Museum

Trotz der stürmischen historischen Ereignisse rund um Pazin konnte sich die Stadt zu einem wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum Kroatiens entwickeln. Während all dieser Jahre überdauerten einige Schätze die Wirren der Zeit, die heute im Ethnologischen Museum auf dem Kastell von Pazin bewundert werden können. Musikinstrumente, über die wir kaum mehr etwas wissen, Trachten der Bürgerfrauen, die reich bestückt den neuen Wohlstand der sich entwickelnden Städte zeigen, und Waffen, die in Turnieren sowie Kriegen eingesetzt wurden, geben Einblick in das frühere Leben der Paziner Bevölkerung. Die Vitrinen sind außerdem voll mit archäologischen Funden aus ganz Istrien, meistens Geschirr, Trinkbecher und Töpferwaren aus längst vergangenen Zeiten.

Die Dauerausstellung ist dem Alltagsleben der dörflichen Bevölkerung gewidmet, während jährlich wechselnde Sonderausstellungen zeitgenössische Themen behandeln. Dazu zählen Vernissagen von regionalen Künstlern ebenso wie Konzerte, Wissensveranstaltungen und Festlichkeiten. Dabei dürfen die Portraits berühmter Töchter und Söhne der Stadt nicht fehlen, darunter der Komponist Luigi Dallapiccola, der Schriftsteller Pier Antonio Quarantotti Gambini oder der Künstler Antun Motika. Eine Besonderheit in den Museumsräumlichkeiten ist die große Sammlung alter Kirchenglocken in verschiedensten Größen aus der Region um Pazin.

Steht ein Museumsbesuch nicht unbedingt auf dem Urlaubsplan, sollte man sich die Räumlichkeiten trotzdem ansehen, denn schon alleine die Atmosphäre einer mittelalterlichen Trutzburg ist es wert.

Legenden und Sagen um das Kastell von Pazin

Manche Schriftsteller haben den Charme des düster romantischen Ortes in ihren Büchern verewigt. Viele Geschichten ranken sich vor allem um die tiefe Höhle in der Schlucht unterhalb des Kastells von Pazin, denn dort fließt ein wundersamer unterirdischer Fluss mit dem Namen Pazinčica, der in die Adria mündet.

Einer von diesen Schriftstellern ist der Franzose Jules Verne, der Ende des 19. Jahrhunderts mit Romanen wie „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ und „Reise um die Erde in 80 Tagen“ berühmt wurde. In seinem Roman mit dem Titel „Mathias Sandorf“ wird der gleichnamige Protagonist mit anderen Beteiligten als Verschwörer wegen Hochverrates gegen die Habsburgermonarchie von diesen im Kastell von Pazin in einer Zelle eingesperrt. Dort werden sie zum Tode verurteilt, können aber auf klassische Art und Weise mit dem Bettgestell die Gitterstäbe öffnen und mit Hilfe eines Blitzableiters neben dem Zellenfenster flüchten. Dabei stürzen Graf Sandorf und seine Mithäftlinge über die steile Klippe in den unterirdischen Fluss unter der Festung, der sie bis an die Adria treibt. Manche sehen darin eine Kopie des Abenteuerromans „Der Graf von Monte Christo“ von Alexander Dumas. Jedes Jahr wird auf der Festung ein Treffen für Fans von Jules Verne organisiert.

Es würde nicht verwundern, wenn Jules Verne in seinem Roman „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ die Höhle von Pazin auch als Vorlage für den Erdeingang genutzt hat.

Einen Gastauftritt hat das Kastell von Pazin auch beim kroatischen Schriftsteller, Lyriker und Übersetzer Vladimir Nazor. Der 1949 verstorbene ehemalige Partisan und Politiker war bekannt für seine fantastischen Legenden, Epen und Gedichte. Meistens behandelte er in seinen Werken volksnahe Themen, die sich in kroatischen, slowenischen und italienischen Gebieten abspielen. So auch die Geschichte um den Riesen Banus Dragonja, der mit seinem aufstampfenden Fuß die Höhle unterhalb des Kastells von Pazin geschaffen haben soll.

In den idyllischen Wasserfällen und kleinen Seen, die durch den Wasserlauf des Höhlenflusses Pazinčica gebildet werden, kann man im Sommer direkt unterhalb des Kastells von Pazin wunderbar zum Schwimmen gehen und sich abkühlen. Dort finden sich noch Reste der Mühlen, mit denen früher die Wasserkraft genutzt wurde.

Und für verliebte Pärchen, die sich vom mittelalterlichen Ambiente verzaubern lassen, gibt es sogar die Möglichkeit in den Räumlichkeiten des Kastells von Pazin zu heiraten. Im großen Trauungssaal werden jährlich zahlreiche Vermählungen gefeiert.